Indien – Struktur, Dynamik und Zukunft des größten Goldmarktes der Welt
„Indian women didn‘t hoard gold. They quietly built the country‘s most consistent investment portfolio.“
Harsh Goenka
- Der indische Goldmarkt entwickelt sich von einem kulturellen, schmuckbezogenen Markt zu einem hybriden Markt aus Konsum-, Investitions- und Finanzprodukten und gewinnt zunehmend an Einfluss auf die globale Preisdynamik.
- Die Goldbestände der privaten Haushalte belaufen sich auf ca. 29.000–35.000 t, die einen Wert von über 4 Bill. USD haben. Das entspricht mehr als 100 % des indischen BIP. Sie werden als generationenübergreifende Wertanlage gehalten und sind daher weitgehend illiquide.
- Die langfristige Goldnachfrage Indiens bleibt strukturell robust (600–1.000 t/Jahr) und wird von Einkommenswachstum, Demographie und der hohen kulturellen Wertschätzung gestützt. Regulierungsvorgaben wie die obligatorische HUIDPunzierung, die Elektronische Goldquittungen (Electronic Gold Receipts (EGRs)) und die IIBX-Börse formalisieren den Markt, verringern die Spreads und führen Indien an globale Standards heran.
- „Gold Is the New Gold“: Interview mit Sachin Jain, Regional CEO Indien, World Gold Council.
Der indische Goldmarkt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Er ist heute das Ergebnis eines spannungsreichen Zusammenspiels aus demographischem Rückenwind, regulatorischen Reformen und einer zunehmenden Integration in das globale Finanzsystem. Wir analysieren im Folgenden das ökonomische und kulturelle Skelett des indischen Love Trade, das diesen Markt zum unverzichtbaren Anker der physischen Nachfrage macht.
Langfristige Nachfrage, Vermögensakkumulation und strukturelle Nachfragetreiber
Indiens Aufstieg zum globalen Schwergewicht der Goldnachfrage ist kein Zufall, sondern das Resultat einer kraftvollen Synergie aus demografischem Rückenwind und steigendem Wohlstand. Mit einer der jüngsten Bevölkerungen der Welt und einem wachsenden Anteil am globalen BIP festigt der Subkontinent seine Rolle als der entscheidende strukturelle Nachfragetreiber.
Dabei fungiert die einzigartige kulturelle Affinität zum Edelmetall – unser vielzitierter „Love Trade“ – als verlässlicher Transmissionsriemen, der ökonomische Zuwächse unmittelbar in physische Goldakkumulation übersetzt. In Indien ist Gold nicht nur Schmuck, sondern ein privates, dezentrales Sozialversicherungssystem in Gelb.
Nachfragezyklen und strukturelle Widerstandsfähigkeit
Trotz makroökonomischer Volatilität bleibt die indische Goldnachfrage mit einem strukturellen Korridor von 600 bis 1.000 t pro Jahr ein verlässlicher Fels in der Brandung. Selbst die pandemische Zäsur von 2020, die die Käufe auf einen Tiefpunkt von 446 t drückte, erwies sich als bloße Momentaufnahme: Bis 2025 erholte sich das Volumen auf 711 t und markierte – befeuert durch die Preisrally – wertmäßig einen historischen Rekord.
Jüngste Schätzungen gehen davon aus, dass die indischen Haushalte Ende 2025 fast 35.000 t Gold besaßen. Der Goldbestand der indischen Zentralbank, der Reserve Bank of India (RBI), betrug Ende 2025 rund 880 t, der im Inland gelagerte Anteil mehr als 65,5 %. Der Goldanteil an den Devisenreserven ist damit etwas mehr als 17 %. Seit dem Start der Initiative „Make in India“ im Jahr 2014 konzentriert sich die Industriepolitik zunehmend auf die Ausweitung der inländischen Produktionskapazitäten durch produktionsbezogene Anreize, Steuerreformen und Infrastrukturinvestitionen, um ausländische Investitionen anzuziehen und die industrielle Basis Indiens zu vertiefen. Dieser Wandel zeigt sich beispielhaft in der schnellen Expansion der Elektronikfertigung. Die indische Elektronik- und IT-Hardware-Produktion legte von rund 221 Mrd. INR Ende der 1990er-Jahre auf rund 9,5 Bill. INR (ca. 115 Mrd. USD) im Jahr 2024 zu.
Indiens BIP, als Anteil am globalen BIP, 1970–2070e

Quelle: OECD, Weltbank, Incrementum AG
Goldvermögen der Haushalte
Der Anstieg des Goldpreises hat das Vermögen der privaten Haushalte deutlich erhöht. Schätzungen deuten darauf hin, dass der Goldbestand der indischen Haushalte von etwa 23.000–24.000 t im Jahr 2015 bis Ende 2025 auf rund 35.000 t zulegte. Per Ende März entsprach dies mehr als 4,0 Bill. USD und übertraf damit das indische BIP.
Nur ein kleiner Teil des Haushaltsgoldes gelangt bei Preisspitzen auf den Sekundärmarkt. Wie das World Gold Council (WGC) hervorgehoben hat, ziehen es die indischen Verbraucher vor, Gold selbst bei starken Preisanstiegen zu behalten. Sie betrachten Gold als generationenübergreifende Ersparnis und nicht als monetarisierbaren Vermögenswert.
Indisches Recyclinggoldangebot, in Tonnen, 2012–2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Trotz dynamischen Wachstums bleibt der Markt für Goldkredite mit rund 60 Mrd. USD – lediglich 1,7 % des privaten Goldbestands – erstaunlich unterentwickelt. Da Gold in Indien primär als generationenübergreifende Versicherung und nicht als kurzfristiges Konsumvehikel fungiert, bleibt der klassische Vermögenseffekt faktisch aus: Ein steigender Goldpreis polstert zwar die Haushaltsbilanzen auf, fungiert jedoch kaum als Transmissionsriemen für zusätzliche Ausgaben oder eine verstärkte Kreditaufnahme.
Geschätzte Goldreserven indischer Privathaushalte, in Tonnen, 2015–2025

Quelle: CLSA, World Gold Council, Incrementum AG
Geschätzte Goldreserven indischer Privathaushalte, in Mrd. USD, 2015–2025

Quelle: Bloomberg, CLSA, World Gold Council, Incrementum AG
Geschätzte Goldreserven indischer Privathaushalte, in % des BIP, 2015–2025

Quelle: CLSA, World Gold Council, Incrementum AG
Die nächsten zwanzig Jahre: Einkommen, Inflation und Formatelastizität
Berechnungen des WGC zeigen, dass ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens um 1 % die Goldnachfrage um 0,9 % erhöht, während ein Anstieg der Inflation um 1 Prozentpunkt die Nachfrage um 2,6 % erhöht. Was die Struktur der Goldnachfrage betrifft, so wird sich der Mix weiter von ausschließlich Schmuck hin zu unterschiedlichen Finanzkanälen (ETFs/SGBs/EGRs) verschieben, da der Zugang zum formalen Goldmarkt zunehmen wird. Dieser Trend war bereits Ende 2025 und in Q1/2026 zu beobachten, als indische ETFs Zuflüsse verzeichneten und die Marktpenetration von elektronischen Goldquittungen (Electronic Gold Receipts (EGRs)) innerhalb eines regulierten Rahmens voranschritt.
Innerhalb Indiens sollte diese Finanzialisierung – neben der Rationalisierung der Zölle und der Durchsetzung von Gütesiegeln – die Prämien/Rabatte stabilisieren und die informellen Kanäle einengen, während die demographische Entwicklung, die Urbanisierung und die steigende finanzielle Beteiligung von Frauen die Konsumbasis stärken. Die aktuellen Prognosen deuten darauf hin, dass das indische BIP-Wachstum in den kommenden Jahren bei über 6 Prozent liegen dürfte.
Verbraucher-Goldnachfrage, in Tonnen (lhs), und Anteil Indiens (rhs), 2000–2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Marktarchitektur, Formalisierung und regulatorische Entwicklung
Reformen in den Bereichen Import, Raffination und Vertrieb von 2000 bis 2025
Indiens Goldmarkt hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine bemerkenswerte Metamorphose vollzogen: Weg von einem fragmentierten, opaken System, hin zu einer regulierten und börsengebundenen Architektur.
Das Ende der Intransparenz: Während die frühen 2000er-Jahre noch von einer geringen Transparenz in der Raffination und Prüfung geprägt waren, markierte die Zeit nach 1997 den Beginn einer schrittweisen Liberalisierung.
Die regulatorische Brechstange: Die Interventionsphase (2012–2013) brachte striktere Kontrollen und die berüchtigte 80:20-Importregel. Diese schrieb vor, dass 20 % des importierten Goldes wieder exportiert werden mussten. Zwar stabilisierte dies kurzfristig die Leistungsbilanz, förderte jedoch ungewollt den informellen Handel.
Struktureller Durchbruch: Im Zuge der Transparenzphase zwischen 2014 und 2018 professionalisierte sich der Sektor durch den massiven Ausbau von Raffineriekapazitäten und die Einführung moderner Risikomanagement-Tools wie Goldtermingeschäfte.
Dieser Reifeprozess hat den Grundstein für einen Markt gelegt, der heute Qualitätssicherung und institutionelles Vertrauen in den Mittelpunkt stellt und damit die Basis für den langfristigen Love Trade festigt.
Umstellung auf Punzierung, HUID und Qualitätssicherungssysteme
Die folgenreichsten Veränderungen ergaben sich durch die Reformen im Bereich der Qualitätssicherung. Das indische Punzierungssystem, das im Jahr 2000 vom Bureau of Indian Standards (BIS) eingeführt und später durch die obligatorische Einführung der HUID[1 -basierten Punzierung ab Juni 2021 gestärkt wurde, hat die Rückverfolgbarkeit des Reinheitsgrades auf ein noch nie dagewesenes Niveau gehoben: Die Zahl der gepunzten Schmuckstücke stieg von 3,5 Crore (1 Crore = 10 Millionen) im Jahr 2020 auf 12 Crore im Jahr 2024, unterstützt durch die Zunahme der registrierten Juweliere von 35.000 auf 195.000.
Indische Verbraucher-Goldnachfrage, in Tonnen, 2000–2025

Quelle: Metals Focus, Refinitiv GFMS, World Gold Council, Incrementum AG
Börsengetriebene Modernisierung: IIBX, EGRs und Tresornetzwerke
Die parallelen Entwicklungen auf der Großhandelsseite waren ebenso transformativ. Mit dem Start der India International Bullion Exchange (IIBX) im Rahmen des GIFT International Financial Services Centres (GIFT IFSC) in Gujarat im Jahr 2022 wurde Indiens erster einheitlicher, regulierter Edelmetallhandelsplatz mit direkter Edelmetallabrechnung, 30-minütigen Clearing-Zyklen, Multi-Vault-Logistik und der Teilnahme von über 600 qualifizierten Juwelieren in 20 Bundesstaaten geschaffen.[2] Ergänzend zu diesen börsenbasierten Integrationen wurde die indische Importpolitik angepasst. Darauf aufbauende Mitteilungen der indischen Generaldirektion für Außenhandel im Mai und Juni 2025 bewirkten eine Reklassifizierung bestimmter Edelmetalllegierungen mit hohem Goldgehalt als „restricted“, d. h. lizenzpflichtig.
Zusammen mit der Einführung von elektronischen Goldquittungen (EGR), die das Fehlen einer regulierten Spotbörse in Indien beheben und die nationale Preisfindung verbessern, signalisieren diese Reformen einen entscheidenden Wandel hin zu einer börsenorientierten, verwahrergeprüften und interoperablen Marktstruktur. Darüber hinaus wurden die Goldzollkontingente (gold tariff-rate quotas (TRQs)) im Rahmen des 2022 geschlossenen „Umfassenden Wirtschaftspartnerschaftsabkommens zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indien“ (UAE-India Comprehensive Economic Partnership Agreement (CEPA)) 2025 auf einen wettbewerbsorientierten OnlineAusschreibungsmechanismus umgestellt, der die früheren administrativen Zuteilungen ersetzt und den transparenten, marktbasierten Zugang zu Importen mit Präferenzzoll weiter fördert.
Vom Passagier zum Piloten: Indiens Weg zum globalen Preissetzer
Die institutionellen Weichen für Indiens Transformation vom passiven Preisnehmer zum regionalen Taktgeber sind endgültig gestellt. Vier zentrale Säulen bilden das Fundament dieser neuen Ära:
Institutionelle Transparenz: Die Kombination aus rückverfolgbarer Punzierung und digitalisierten Eigentumsnachweisen (Electronic Gold Receipts, EGR) schafft ein modernes, vertrauenswürdiges Marktumfeld.
Steuerlicher Befreiungsschlag: Die Senkung des Zollsatzes von 15 % auf 6 % entzieht dem informellen Sektor die Geschäftsgrundlage. Allerdings wurde die Steuersenkung im Mai rückgängig gemacht, um die infolge des kräftigen Anstiegs des Ölpreis unter Druck geratene Zahlungsbilanz und die deutlich an Wert verlierende Rupie zu schützen.
Zudem rief Premierminister Narendra Mondi die indische Bevölkerung dazu auf, für ein Jahr auf Goldkäufe zu verzichten, und bezeichnete einen derartigen Verzicht als „patriotic“.
Infrastrukturelle Exzellenz: Die IIBX fungiert als hocheffizientes Nervenzentrum, das Tresorlogistik, Großhandel und internationalen Handel integriert.
Globale Konvergenz: Durch die Angleichung an internationale Best-PracticeStandards wandelt sich Indien von einer bankdominierten Marktarchitektur zu einem globalen Zentrum.
In den kommenden zwei Jahrzehnten wird Indien seine enorme Binnennachfrage als Hebel nutzen, um die globale Edelmetallarchitektur maßgeblich zu steuern. Der einstige „Love Trade“ wird damit zum Rückgrat einer neuen, regionalen Preisbildung.
Zeitleiste der wichtigsten Reformen (2000–2026)
- 1. Jänner 2000: Einführung des BIS-Punzierungssystems – BIS wird zur einzigen Punzierungsstelle bestimmt; Einführung eines freiwilligen ReinheitsgarantieSystems.
- 1. Jänner 2005: Anpassung der Marktmikrostruktur – Einführung von Goldtermingeschäften und verlängerten Laufzeiten von Goldanleihen zur Unterstützung von Produktion und Risikomanagement.
- August 2012: Beginn der schrittweisen Anhebung der Zölle zur Eindämmung der Importe angesichts der markanten Verschlechterung der Leistungsbilanz.
- 14. August 2013: 80:20-Importregel – Goldimporte werden an Re-Exporte (20 %) gekoppelt; dadurch werden die offiziellen Zuflüsse gedämpft, die lokalen Prämien ausgeweitet und Anreize für informelle Transaktionen geschaffen.
- 1. Jänner 2014: Transparenzphase (2014–2018) – Ausweitung der Raffinierung, standardisierte Einfuhrprotokolle der benannten Banken; Umstellung von bürokratischen Beschränkungen auf Transparenz.
- 16. Juni 2021: Schrittweise obligatorische Punzierung & HUID – sechsstellige HUID auf jeder neuen Prägung; schnelle Registrierung von Juwelieren & Assaying & Hallmarking-Abdeckung.
- 29. Juli 2022: Eröffnung der IIBX (GIFT-IFSC) – Indiens erste Edelmetallbörse; BDR-Abwicklung, Tresornetzwerk, Zugang für qualifizierte Juweliere.
- 1. Juli 2024: Zollsenkung – der effektive Zoll wird von 15 % auf 6 % gesenkt, um die Spannen zu verringern und formelle Importe zu fördern; die Punzierung wird ausgeweitet (bis 2025 beibehalten).
- 29. April 2025: IFSCA-Bullionmarktregulierung – verlängerte IIBX-Handelszeiten, breitere Beteiligung; Einrichtung für zusätzliche Produkte.
- 2. Jänner 2026: Aktualisierte IFSCA-Richtlinien – umfassender Rahmen für Gold-/ Silberimporte über die IIBX; klare Zulassungswege für qualifizierte Juweliere; laufende Überprüfung der Einhaltung der Vorschriften.
Aktuelle Marktdynamik (2025–2026): Preise, Verhaltensmuster und Importe
Der Preisanstieg und die Reaktion der Nachfrage
Die Goldpreise in Indien legten 2025 um fast 75 % auf 390.000 INR zu. Ende Jänner wurde mit knapp 500.000 INR das Allzeithoch erzielt. Bis Ende März gab der Goldpreis auf etwas über 435.000 INR nach.
Gold, in INR, 01/2025–04/2026

Quelle: LSEG, Incrementum AG
Volatilität, Abschläge und schnelle Normalisierung der Aufschläge
Die indische Nachfrage antwortete im Einklang mit den bekannten Elastizitäten. Die Goldnachfrage reagiert empfindlich sowohl auf das Preisniveau als auch auf die Volatilität: Analysen zeigen, dass ein Preisanstieg um 1 % die Nachfrage um 0,4 % verringert, während ein Preisrückgang um 1 % die Nachfrage um 1,2 % erhöht. Wie Uday Kotak einmal feststellte: „The Indian housewife is the smartest fund manager.“ In einem Jahr, in dem die Preise um mehr als 70 % stiegen und wilde Schwankungen auftraten, gaben ihm viele recht – sie wechselten still und leise von Hochzeitsschmuck zu Barren und Münzen. Als die Preise in Q4/2025 in die Höhe schnellten, stiegen die inländischen Abschläge auf rund 30 USD, und die Schmuckkäufe gingen stark zurück. Doch anstatt zu schrumpfen, passte sich der Markt an. Die Nachfrage nach Barren und Münzen legte von November bis Dezember 2025 auf fast 40 % zu.
Anlageverhalten: Barren, Münzen und ETF
Die Investmentnachfrage verzeichnete in Indien einen der stärksten Zuwächse seit mehr als zehn Jahren. In zwei aufeinanderfolgenden Quartalen wurde die Marke von 90 t überschritten. Damit erreichten die jährlichen Investitionen den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren und angesichts der stark gestiegenen Preise ein noch nie dagewesenes Volumen von 32 Mrd. USD.
Goldbarren- und Münznachfrage, in Tonnen (lhs), und globale Nachfrage, in Mrd. USD (rhs), 2010–2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Die auffälligste Entwicklung Anfang 2026 war die schnelle Erholung der Nachfrage, sobald die Volatilität nachließ. Als sich die Weltmarktpreise im Jänner stabilisierten, bewegte sich der Goldpreis in Indien innerhalb weniger Tage von Abschlägen in Höhe von rund 61 USD/oz zu Aufschlägen in Höhe von 15 USD/oz. Ein Muster, das sich in China ebenfalls zeigte, wo sich die Einzelhandelsaufschläge vor dem Neujahrsfest in den positiven Bereich normalisierten. Diese rasche Normalisierung unterstreicht, dass die indischen Verbraucher viel stärker auf Preisstabilität als auf absolute Preisniveaus reagieren. Das Timing überschnitt sich auch mit der indischen Hochsaison für Hochzeiten (Oktober–Februar), in der normalerweise 3 bis 4 Millionen Hochzeiten stattfinden, was den Aufschwung in der Schmuckherstellung verstärkte.
Die Investitionstätigkeit war im Jahr 2025 der wichtigste Stabilisator. Die börsengehandelten Fonds (ETFs) verzeichneten im Dezember mit 37 t den höchsten monatlichen Zufluss ihrer Geschichte und steigerten das verwaltete Vermögen auf 1.279 Mrd. INR, während die Käufe von digitalem Gold von 8 Mrd. INR auf 21 Mrd. INR im Jahresvergleich anstiegen.
Importmuster und Arbitrage-Dynamik
Die Importe haben sich stark an die Marktbedingungen angepasst. Die offiziellen Zuflüsse fielen im Dezember 2025 auf nur noch 35–40 t, was den Druck auf die Leistungsbilanz verringerte. Diese Neuordnung der Nachfragekanäle trug in Verbindung mit einer gedämpften Schmuckherstellung und einem begrenzten Recycling zu einem deutlichen Rückgang des Gesamtgoldangebots auf 771,2 t im Jahr 2025 nach 933,8 t im Jahr 2024 bei, wobei die Zuflüsse von Standardbarren von 572,3 t auf 451,10 t, von DoréGold von 229,40 t auf 212,60 t und von recyceltem Gold von 114,31 t auf 92,74 t zurückgingen, so die Daten des World Gold Council. Der Goldbestand der Reserve Bank of India, der indischen Zentralbank, legte 2025 nur um 4 t zu und damit so wenig wie seit acht Jahren nicht mehr. Ihre mehrjährige Strategie der Repatriierung und Umschichtung von Reserven setzte die RBI jedoch fort, wodurch sich der Inlandsbestand auf rund 65 % erhöhte und Gold 13,9 % der Gesamtreserven ausmachte. Dies entspricht dem weltweiten Trend der Zentralbanken der Schwellenländer, sich von Vermögenswerten mit Gegenparteirisiko zu trennen. Die private Goldnachfrage, die in der Regel empfindlich auf Bewegungen der Rupie reagiert, ging Ende 2025 ungewöhnlich stark zurück, da die hohe Volatilität vorübergehend keine brauchbaren Arbitragefenster mehr zuließ. [3]
Indische Goldimporte, in Tonnen (lhs), und in Mrd. USD (rhs), 04/2022–12/2025

Quelle: Ministry of Commerce and Industry, Incrementum AG
Finanzialisierung und der Aufstieg von Anlagegold
ETF-Expansion und drei strukturelle Faktoren
Der Markt für Anlagegold hat sich zu einer wichtigen antizyklischen Säule des Goldmarktes entwickelt, die die Schmucknachfrage in volatilen Phasen ergänzt und stabilisiert. Der sprunghafte Anstieg der ETF-Aktivitäten im Jahr 2025 unterstreicht die Reife der indischen Markttransformation. Allein im Dezember flossen netto 116 Mrd. INR in Gold-ETFs – ein historischer Rekordwert, der die Bestände auf 95 t hob. Diese Dynamik gipfelte im Gesamtjahr 2025 in einer Rekordnachfrage von 37 t und setzte sich bis Jänner 2026 mit Beständen von 110 t sowie einem AUM von 1.842 Mrd. INR fort.
Angetrieben von schwächelnden Aktienmärkten und makroökonomischer Unsicherheit wandelten sich urbane Inder fast über Nacht zu überzeugten ETF-Adepten. Es scheint, als hätte ein wenig Volatilität ausgereicht, um den traditionellen „Love Trade“ auf digitale Schienen zu heben – wer hätte gedacht, dass das „Yellow Metal“ so schnell zum Liebling der urbanen Portfolio-Manager avancieren würde?
Gold-ETF-Flows nach Ländern, in Tonnen (lhs) und Globale GoldETF-Bestände, in Mrd. USD (rhs), 2004–2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Die Beteiligung von Privatanlegern nahm zu, weil sich der Zugang der Haushalte zu Investitionskanälen verbesserte. Seit 2014 wurden in Indien 482 Mio. Jan-Dhan-Bankkonten eröffnet, womit sich die Gesamtzahl auf 578 Mio. erhöhte; die Zahl der DematKonten für Aktien stieg von 24 Mio. auf 216 Mio. und die Zahl der Smartphone-Nutzer vervierfachte sich auf 950 Mio. Zusammengenommen haben diese Verschiebungen unzähligen Indern die Möglichkeit eröffnet, Anlagegold digital, nahtlos und regelmäßig kaufen zu können.
Gold-Staatsanleihen: Konzeption, Auswirkungen und Grenzen
Gold-Staatsanleihen (Sovereign Gold Bond (SGB)) verstärkten diese Dynamik noch zusätzlich. Mit einer jährlichen Verzinsung von 2,5 %, einer Befreiung von der Kapitalertragssteuer bei Fälligkeit und der Unterstützung durch die indische Regierung boten SGBs die kostengünstigste langfristige Goldanlage für indische Haushalte. Die hohe Liquidität durch den Sekundärmarkthandel erhöhte die Attraktivität der 2015 lancierten Gold-Staatsanleihen zusätzlich. Die kumulierte Emission erreichte 98 t, wobei sie besonders stark von städtischen, wohlhabenden und steuerbewussten Anlegern angenommen wurden. SGBs spiegelten den Mentalitätswandel wider, wonach Gold nicht nur als traditioneller Vermögenswert oder Schmuckstück betrachtet wird, sondern zunehmend auch als Finanzinstrument.
Das indische Gold-Staatsanleihenprogramm war einer der innovativsten Versuche der Regierung, das strukturelle makroökonomische Ungleichgewicht zu verringern, das durch große physische Goldimporte entsteht. Wie von Goldman Sachs hervorgehoben wurde, ist Gold nach Erdöl weiterhin Indiens zweitgrößter Importposten.[4] Durch die Umlenkung eines Teils der Goldnachfrage der Haushalte in ein Finanzinstrument statt in importiertes Metall hofften die politischen Entscheidungsträger, die Abflüsse von US-Dollar zu verringern, den Druck auf die Leistungsbilanz zu mindern und die Volatilität der Rupie zu reduzieren.
SGBs waren als direkter finanzieller Ersatz für physisches Gold gedacht. Die von der RBI ausgegebenen und in Gramm denominierten Papiere hatten eine Laufzeit von acht Jahren, wobei eine vorzeitige Rückzahlung nach dem fünften Jahr zulässig war, mit einem Kupon von ursprünglich 2,75 %, der später auf 2,5 % gesenkt wurde – und mit einer Befreiung von der Kapitalertragssteuer bei Fälligkeit. Außerdem entfielen für die Anleger die Umsatzsteuer und die Gebühren für die Schmuckherstellung. Bei der Rückzahlung erhalten die Inhaber den aktuellen inländischen Goldpreis in Rupien, sodass sie in vollem Umfang von den Preissteigerungen profitieren können, ohne die mit Münzen, Barren oder Schmuck verbundenen Transaktionskosten.
Das SGB-Programm wurde mit Februar 2024 eingestellt. Bestehende Serien laufen noch bis 2032. Der Stopp spiegelt den Erfolg bei der Umschichtung von Ersparnissen der privaten Haushalte in Finanzgold wider, der durch die hohen fiskalischen Kosten aufgrund des starken Anstiegs des Goldpreises ausgeglichen wurde: Frühe Niedrigpreisemissionen werden jetzt nach jahrelangen Zinszahlungen zu einem viel höheren Goldpreis zurückgezahlt. Das System hat sich zu einem Altbestand an langfristigen Verpflichtungen entwickelt, der das künftige Verhältnis zwischen physischer und finanzieller Goldnachfrage prägt. Rückblickend betrachtet waren die SGBs ein kluger politischer Schritt, der den Zugang zu Gold erweiterte, aber die traditionell verwurzelte physische Nachfrage des Massenmarktes kaum beeinträchtigte.
Digitales Gold: Mikrosparen und die Akzeptanz durch junge Anleger
Digitales Gold steht am entgegengesetzten Ende des Spektrums: ein Massenmarkt, ein hochfrequentes Engagement, besonders beliebt bei jüngeren Nutzern zwischen 18 und 35 Jahren. Mit 5–6 Mio. aktiven Konten, die häufig Transaktionen in Stückelungen unter 500 INR (= ca. 4,60 EUR) durchführen, hat digitales Gold den Besitz demokratisiert und ein Mikro-Sparverhalten ermöglicht, das mit der explosionsartigen Verbreitung des indischen Echtzeitüberweisungssystems UPI und Zahlungsapps einhergeht. Dieses Segment führt auch Millionen von Erstsparern an Gold als Vermögenswert heran. Die UPI-basierten Käufe von digitalem Gold haben sich im Jahr 2025 mehr als verdoppelt und stiegen von 8 Mrd. INR im Jänner auf 21 Mrd. INR im Dezember, wobei im Laufe des Jahres schätzungsweise 13,5 t akkumuliert wurden. Selbst nach einer vorübergehenden Verlangsamung im Anschluss an die Warnung des Securities and Exchange Board of India (SEBI) vom November 2025 stiegen die Transaktionsvolumina schnell wieder an, was die Widerstandsfähigkeit und die wachsende Attraktivität von digitalem Gold bei jüngeren Sparern unterstreicht. Seit Ende 2025 erlaubt die indische Aufsichtsbehörde für Pensionsfonds die Allokation in Gold-ETFs, und es wird erwartet, dass Versicherungsgesellschaften eine ähnliche Genehmigung erhalten.
Elektronische Goldquittungen (EGR): Eine Brücke zwischen physischen und finanziellen Märkten
Elektronische Goldquittungen (EGR) ermöglichen den nicht-physischen Besitz von Gold in einem regulierten, börsengehandelten Markt. Dadurch werden physisches und finanzielles Gold durch Transparenz und Standardisierung miteinander verbunden und Indien an die globalen Benchmarks in Shanghai, London und Singapur angeglichen. Die 2025 von der SEBI verhängten Beschränkungen für unregulierte digitale Goldplattformen lenkten die Ströme in regulierte Kanäle, während die International Financial Services Centres Authority (IFSCA), die zuständige Aufsichtsbehörde, mit ihrem Vorstoß für Interoperabilität über die India International Bullion Exchange (IIBX) die Liquidität, Rückverfolgbarkeit und Tiefe verbessert hat. Anfang 2026 werden Börsen wie die NSE (National Stock Exchange) und die BSE (Bombay Stock Exchange) die Vorbereitungen fortsetzen und den Handel für EGR-Segmente simulieren, um diesen Rahmen voranzubringen.
Expansion der Edelmetallkredite: Silber als Sicherheit
Im April 2026 unternahm Indien einen historischen Schritt bei der Vergabe von Edelmetallkrediten, indem es die Verwendung von Silberschmuck und Münzen als formale Kreditsicherheiten gemäß den neuen Richtlinien der RBI für die Kreditvergabe gegen Gold- und Silbersicherheiten zuließ. Parallel zu diesen Krediterweiterungen führte das Bureau of Indian Standards (BIS) die freiwillige HUID-basierte Punzierung für Silber nach dem überarbeiteten Standard IS 2112:2025 ein und erweiterte die verpflichtende Goldpunzierung auf 9-Karat-Schmuck. Mit dieser Politik wird Silber zum ersten Mal im modernen indischen Bankwesen der gleiche regulatorische Status wie Gold zuerkannt, sodass Haushalte bis zu 10 kg Silberschmuck oder 500 g Münzen verpfänden können, die nach den von der India Bullion and Jewellers Association (IBJA) oder der SEBI festgelegten Referenzpreisen bewertet werden. Analysten bezeichnen diesen Schritt als eine bedeutende Remonetarisierung von Silber und stellen fest, dass formelle Kreditgeber Silber nun einheitlich als Sicherheit anerkennen, was zuvor nur für Gold galt.
Es wird erwartet, dass durch die Akzeptanz von Silber als Kreditsicherheit erhebliches Haushaltsvermögen freigesetzt wird – das Silbervermögen der indischen Haushalte wird auf 34.600 t geschätzt –, insbesondere in ländlichen und kleinstädtischen Regionen. Dort ist der Besitz von Silber weiter verbreitet als der von Gold. Was bisher als totes Kapital galt, wird nun mobilisiert, womit Millionen von Erstkreditnehmern in das formale Kreditsystem aufgenommen werden.
Einzelhandelsnachfrage, Herstellung und Verbraucherpsychologie
Hochzeitszyklen, Feste und nicht-diskretionäre Nachfrage
Der indische Schmuckmarkt ist nach wie vor einer der größten und strukturell widerstandsfähigsten der Welt, auch wenn die Schmucknachfrage im vergangenen Jahr um 24 % auf 430,5 t zurückging, den niedrigsten Stand seit fast drei Jahrzehnten. Dennoch liegen die Durchschnittswerte über mehrere Jahrzehnte hinweg durchwegs über 500 t jährlich. Hochzeiten sind der wichtigste Faktor für die Nachfrage: 50–55 % der Schmuckkäufe entfallen darauf. Festtage wie Akshaya Tritiya und Diwali sorgen für eine konzentrierte Nachfrage, die oft innerhalb weniger Tage um 40–60 t steigt. Diese zyklischen Anker sorgen dafür, dass Indien auch in Zeiten hoher Preise oder makroökonomischer Unsicherheit einen Grundstock an obligatorischen, traditionell motivierten Käufen aufrechterhält.
Ländliche Nachfrage, Monsunzyklen und landwirtschaftliche Einkommen
Die ländliche Wirtschaft spielt weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Schmuckvolumens. Trotz des rückläufigen Anteils der Landwirtschaft am BIP generieren ländliche Haushalte immer noch rund 55 % der Schmucknachfrage, was die enge Verbindung zwischen landwirtschaftlichen Einkommen, Erntezyklen und Goldausgaben widerspiegelt. Fast 70 % der ländlichen Haushalte sind von der Landwirtschaft abhängig, und die Niederschläge sind nach wie vor ein wichtiger Faktor für das verfügbare Einkommen: um 1 % höhere Monsunniederschläge im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt erhöhen die Goldnachfrage um 0,2 %. Umgekehrt dämpfen Perioden stagnierender Reallöhne auf dem Land – wie 2014–2020, als die Löhne um durchschnittlich 0,3 % sanken – vorübergehend die diskretionären Schmuckkäufe.
Jüngste Rückmeldungen aus dem Handel deuten darauf hin, dass selbst in Zeiten schwächerer ländlicher Einkommen die obligatorische Hochzeitsnachfrage intakt bleibt, wenn auch in abgeschwächter Form. Die Haushalte passen ihre Nachfrage dahingehend an das höhere Preisniveau an, indem sie weniger opulente Designs und einen geringeren Reinheitsgrad wie 18 k und 14 k nachfragen. Einzelhändler berichten, dass mehr als 40 % der Schmuckverkäufe aus dem Umtausch von Altgold stammen, was verdeutlicht, wie sehr die Haushalte ihr Budget schonen und gleichzeitig ihren Verpflichtungen in der Hochzeitssaison nachkommen.
Goldschmucknachfrage, yoy, 2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Die Formalisierung des Einzelhandels und der Aufstieg der organisierten Ketten
Der indische Goldschmuckeinzelhandel hat einen der tiefgreifendsten Strukturwandel der letzten Jahrzehnte erlebt. Offizielle Lieferketten, die durch die Umsatzsteuer, den digitalen Zahlungsverkehr, die obligatorische Punzierung und das HUID-System gestärkt wurden, haben Marktanteile gewonnen – von etwa 30 % im Jahr 2015 auf schätzungsweise 36–40 % bis zum Fiskaljahr 2025 – und gleichzeitig die Reinheitsgarantie und das Vertrauen der Konsumenten verbessert. Die Branche, die in der Vergangenheit mit rund 10–15 % betrügerischer Fälle mit zu geringem Karatgewicht zu kämpfen hatte, nähert sich nun den globalen Standards an, sodass große nationale Anbieter wie Tanishq und Malabar Gold & Diamonds nach Größe und Umsatz zu den weltweit führenden Juwelieren zählen. Die Herstellung erfolgt nach wie vor handwerklich in 20.000–30.000 Werkstätten und Karigars, in denen etwa 55 % der Produktion von Hand gefertigt werden. Dies bietet eine unübertroffene Flexibilität bei der Umstellung von Designs und Gewichten bei Preisschwankungen – wie die rasche Umstellung auf ultraleichte Stücke während des Preisanstiegs im Jahr 2025 gezeigt hat.
Diese Formalisierung wird durch die Kapitalmärkte weiter beschleunigt: Im Fiskaljahr 2024–25 gab es 17 neue Börsennotierungen, und im Fiskaljahr 2025–26 werden Dutzende weiterer Juweliere und Hersteller Börsengänge beantragen oder vorantreiben – eine beispiellose Welle. Die Disziplin der öffentlichen Märkte erzwingt geprüfte Offenlegungen, Rückverfolgbarkeit und Governance-Standards, die undurchsichtige, bargeldintensive Praktiken ersetzen und Maßstäbe für Reinheit, Beschaffung und Service setzen. Der weltweite Aufstieg indischer Handelsketten in Verbindung mit dem Anstieg der Börsennotierungen markiert einen entscheidenden Übergang von einem fragmentierten, familiengeführten Einzelhandel zu einer modernen, transparenten und investitionsfähigen Branche, die das Vertrauen, den Verbraucherschutz und die Position Indiens als weltweites Schmuckzentrum stärkt.
Makro, FX und Geopolitik: Die strategischen Grundlagen der Nachfrage
Einkommen, Urbanisierung und demographische Dynamik
Die Zukunft der indischen Goldnachfrage ist eine Funktion aus makroökonomischen und demographischen Trends. Mit einem BIP-Wachstum von konstant 6–7 %, einem Medianalter von 27 Jahren und einer Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, die bis 2041 jährlich um fast 7 Mio. Menschen wachsen soll, schafft Indien jedes Jahr Millionen neuer Erwerbstätiger und neuer Haushalte.
Medianalter der Bevölkerung, 1970–2070e

Quelle: United Nations, Incrementum AG
Dieser strukturelle Rückenwind verstärkt lebenszyklusbedingte Schmuckkäufe – Hochzeiten, Geburten, Feste und Übertragungen zwischen den Generationen – und vergrößert gleichzeitig den Pool der Sparer, die in Anlagegold investieren können. Die Urbanisierung, die sich von 18 % im Jahr 1960 auf aktuell ca. 38% nahezu verdoppelt hat, verstärkt diesen Effekt, indem sie den Zugang zu Banken, digitalen Zahlungen und organisiertem Einzelhandel verbessert und damit die Vertriebskanäle und den formalisierten Konsum erweitert. Die Einkommenselastizität bleibt ein wesentlicher Faktor: Nach Analysen des WGC erhöht ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens um 1 % die Goldnachfrage um 0,9 %.
Inflation, Rupienzyklen und Gold als Absicherung
Die Wechselwirkung von Gold mit der Inflation und der Währungsdynamik unterstreicht seine Rolle in den Portfolios der indischen Haushalte. Ein Anstieg der Inflation um 1 % erhöht historisch gesehen die Goldnachfrage um 2,6 %. Die Abwertung der Rupie erhöht die inländischen Renditen für Gold, was es sowohl als Konsumanlage als auch als Absicherung gegen Kaufkraftverlust attraktiv macht. Im Jahr 2025 verstärkte die Kombination aus hohen Weltmarktpreisen, der Stärke des USD und der Schwäche der INR den Aufwärtsdruck auf die lokalen Goldpreise, was die Attraktivität von Goldfinanzprodukten wie SGBs und ETFs erhöhte und die Verbraucher zu Altgoldtausch und leichterem Schmuck drängte. Diese makrofinanzielle Dynamik erklärt, warum die Investmentnachfrage selbst bei einer Abschwächung der Produktion robust blieb – ein Verhalten, das mit den über mehrere Jahrzehnte beobachteten, antizyklischen Goldinvestitionsmustern Indiens übereinstimmt.
Geopolitik, Reservestrategie und Verhalten der Zentralbanken
Indiens geopolitisches Umfeld fügt eine weitere Ebene der strategischen Nachfrage hinzu. Das Land ist mit vielen geopolitischen Herausforderungen konfrontiert. Für die privaten Haushalte bietet Gold Schutz vor Inflation, Währungsschwankungen und makroökonomischen Schocks; für den Staat bietet es eine Diversifizierung gegen das geopolitische Risiko, das in den Devisenreserven steckt. In diesem Umfeld fungiert Gold als doppelter Versicherungswert – mikroökonomisch für die Haushalte, makroökonomisch für den Staat.
Die Reservestrategie der RBI spiegelt diese Logik wider und steht in engem Einklang mit dem Verhalten der globalen Zentralbanken. In den vergangenen vier Jahren hat die RBI etwa 280 t Gold repatriiert, im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025–26 etwa 64 t hinzugefügt,[5] ihr Engagement in US-Staatsanleihen reduziert und den Goldanteil an den Reserven auf rund 16 % erhöht. Diese Maßnahmen spiegeln einen breiteren Trend wider, auf den wir in früheren In Gold We Trust-Reporten hingewiesen haben: Die Zentralbanken – insbesondere in den Schwellenländern – bauen ihre Goldbestände aus, um sich gegen Gegenparteirisiken, Sanktionen und geopolitische Fragmentierung abzusichern.[6] Im Jahr 2025 erhöhte die RBI ihre Goldbestände um lediglich 4 t Gold – so wenig wie seit acht Jahren nicht mehr. Dennoch ließen Bewertungseffekte den Anteil von Gold an den Devisenreserven innerhalb eines Jahres von 10 % auf 16 % ansteigen. Diese Dynamik verdeutlicht, dass die Zusammensetzung der Reserven zunehmend von der Preissteigerung und nicht vom Mengenwachstum bestimmt wird.
Goldreserven der Reserve Bank of India, in Tonnen, 2000–2025

Quelle: World Gold Council, Incrementum AG
Einfuhrzölle, informelle Warenströme und Probleme bei der Einhaltung der Vorschriften
Die Struktur der indischen Einfuhrzölle ist nach wie vor eine der wichtigsten politischen Determinanten der Dynamik des Inlandsmarktes. Die Anhebung der Zölle von 2 % auf 10 % in den Jahren 2012–2013 in Verbindung mit der befristeten „80:20-Regel“ drückte die Nachfrage um etwa 1,2 % jährlich und schuf starke Anreize für illegale Importe. Als sich die Preisunterschiede zwischen dem inländischen und dem internationalen Markt vergrößerten, stieg der Schmuggel 2013–14 auf schätzungsweise 335 t an und damit auf fast ein Viertel der gesamten indischen Goldnachfrage. Während die Verschärfung der Vorschriften und die verstärkte Durchsetzung der Gesetze die illegalen Importe in der Folge reduzierten, sind sie weiterhin sehr empfindlich gegenüber Auf- und Abschlagszyklen, Rupienbewegungen und globalen Arbitragebedingungen. Zölle sind nach wie vor ein entscheidender Hebel zur Verringerung von Preisverzerrungen und Spannen zwischen Inland und Ausland und zur Verbesserung der Wirksamkeit der legalen Importkanäle. Indien fördert derzeit nur 1–2 t Gold pro Jahr und ist damit einer der am stärksten von Importen abhängigen großen Goldmärkte der Welt. Die laufenden Reformen der Rahmenbedingungen für den Bergbau zielen jedoch darauf ab, die inländische Produktion in den nächsten zehn Jahren erheblich auszuweiten.
Der indische Goldmarkt kann jedoch nicht vollständig verstanden werden, ohne den informellen Markt zu berücksichtigen. Auf ländlichen und kleinstädtischen Märkten werden nach wie vor Einzelhandelstransaktionen in bar abgewickelt, wobei das Gold häufig mit Bargeld gekauft wird, das über lange Zeiträume angespart wurde. Die Lieferketten von den Goldschmieden, die größtenteils in kleinen Werkstätten angesiedelt sind, bis zu den Einzelhändlern verlaufen häufig außerhalb der formalen Fakturierungssysteme, was den Juwelieren zwar Flexibilität bietet, aber die Rückverfolgbarkeit und Überprüfung der Reinheit erschwert.
Das Recycling von Altgold fügt eine weitere strukturelle Ebene hinzu. Da 40–50 % der indischen Schmuckproduktion aus recyceltem inländischem Altgold bestehen, verkaufen die Haushalte in Zeiten hoher Preise routinemäßig Altschmuck, um an Liquidität zu gelangen. Durch diese Praxis werden die Produktionsmengen aufrechterhalten und gleichzeitig die offiziellen Importe reduziert, was die direkte Korrelation zwischen den Weltmarktpreisen und dem Inlandsverbrauch schwächt.
Diese sich überschneidenden informellen Kanäle schaffen eine Reihe von Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Vorschriften. Transaktionen mit hohem Bargeldanteil, nicht registrierte Werkstätten und informelles Recycling erschweren die Geldwäschebekämpfung, die Durchsetzung von Punzierungen und den Übergang zu digitalen Rückverfolgbarkeitssystemen wie HUID. Die politischen Entscheidungsträger sind sich dessen bewusst, weshalb die Abschwächung der Zölle, eine verbesserte Aufsicht über die Raffinerien, die obligatorische Punzierung und die Ausweitung regulierter Plattformen wie der IIBX den Kern der laufenden Reformbemühungen bilden. Diese Initiativen zielen darauf ab, die Transparenz zu erhöhen, die Preisfindung zu harmonisieren und die Angleichung Indiens an die globalen Standards des Edelmetallmarktes zu verstärken.
Die politische Herausforderung für die Zukunft besteht darin, den Sektor zu formalisieren, ohne die Anpassungsfähigkeit zu untergraben, die Indiens Goldmarkt in der Vergangenheit so einzigartig gemacht hat. Dieses Gleichgewicht – zwischen Transparenz und Flexibilität, Regulierung und Tradition – wird die langfristige Entwicklung der indischen Goldwirtschaft bestimmen.
Fazit: Indiens Goldmarkt an einem Wendepunkt
Vor zwanzig Jahren war der indische Goldmarkt riesig, aber strukturell zersplittert – dominiert von kleinen Familienjuwelieren, einem begrenzten formellen Einzelhandel, minimalen Raffineriekapazitäten und praktisch keinen Goldfinanzprodukten. Importzölle bestimmten sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen Goldströme. Hochzeiten und Erbschaften dominierten die Nachfrage, und Gold diente in erster Linie als Schmuck, Familienvermögen und kulturelle Verpflichtung. Indien war der größte Verbraucher der Welt, blieb aber weitgehend ein passiver Teilnehmer an der globalen Golddynamik.
Heute ist der indische Goldmarkt deutlich professioneller, transparenter und einflussreicher. Der organisierte Einzelhandel hat seine Präsenz ausgeweitet, Punzierung und HUID haben die Reinheit und das Vertrauen erhöht, und die Raffineriekapazitäten sind um ein Vielfaches gestiegen, wodurch Indien stärker in die globalen Lieferketten integriert wurde. Die Finanzialisierung hat Gold in eine moderne Anlageform verwandelt: ETFs, SGBs und EGRs stehen nun neben Schmuck, Münzen und Barren, während digitale Plattformen Millionen von Erstsparern den Zugang eröffnet haben. Das Verhalten des Marktes 2025 bis 2026 hat seine Anpassungsfähigkeit bewiesen: Es wurde niedrig-karatiger Schmuck nachgefragt und gegen Altgold eingetauscht; Anlagekanäle fingen die Volatilität auf; und tief verwurzelte kulturelle und psychologische Verankerungen hielten die Nachfrage selbst bei Rekordpreisen aufrecht.
Informelle Kanäle – vom bargeldbasierten Einzelhandel und kleinen Handwerksbetrieben bis hin zum Recycling in den Haushalten – haben nach wie vor einen großen Einfluss. Doch Reformen wie die obligatorische Punzierung, die GST, die Ausweitung des digitalen Zahlungsverkehrs, die verbesserte Aufsicht über die Raffinerien und die Entstehung der IIBX führen zu einer stetigen Angleichung Indiens an globale Standards und verringern den Raum für Verzerrungen.
Mit Blick auf die Zukunft ist die Entwicklung Indiens eindeutig. Steigende Einkommen, die demographische Dynamik, die rasche Verstädterung und die stärkere digitale und finanzielle Integration werden die Nachfrage weiter steigern und formalisieren. Die kulturelle Kontinuität stellt sicher, dass Gold für Hochzeiten, Ersparnisse, Identität und den Vermögenstransfer zwischen den Generationen unverzichtbar bleiben wird. In Kombination mit einer stärkeren Integration in globale Goldbarren-Netzwerke und einem sich entwickelnden börsenbasierten Handelssystem entwickelt sich Indien von einem der wichtigsten Verbrauchermärkte der Welt zu einem zunehmend einflussreichen Teilnehmer an der regionalen Preisfindung, den globalen Handelsströmen und der langfristigen Architektur des internationalen Goldsystems.
„Gold Is the New Gold“
Ein Interview mit Sachin Jain, Regional CEO India, World Gold Council
Dieses Interview wurde im Februar 2026 geführt. Wir drucken es hier im englischen Original ab.
IGWT: India has one of the world‘s deepest traditions of physical gold ownership. How do you explain its enduring strength today?
Sachin Jain: Physical ownership is still the emotional core of India‘s gold ecosystem. Gold is not treated as a luxury good; it is a way of life. In most families, you have a family doctor and a family jeweler. These jewelers are often century-old businesses, embedded across 350,000 locations in India. Trust, lineage, and cultural continuity keep households attached to physical gold, especially in rural areas where gold still equals „saving“, not „investment“.
Even today, brides in southern India commonly wear multiple kilograms of gold during wedding ceremonies. That physicality creates an emotional anchor no financial product can fully replace – but what‘s changing is that digital and financial forms are supplementing, not replacing, this core behavior.
IGWT: Your data show remarkable growth in financial gold products like ETFs. Does this come at the cost of jewelry demand?
Jain: Not at all – we see complementarity, not cannibalization. India‘s gold ETFs grew from 40 t AUM in January 2024 to nearly 100 t by January 2026, a 2.5x rise. That is extraordinary growth, but still small compared to India‘s ~800 t annual gold demand.
Financialization is rising because urban investors are looking for diversification, liquidity, and transparency. But the cultural functions of jewelry – wedding gifting, status, inheritance – remain untouched. Jewelry fulfills social obligations; ETFs and digital gold fulfill portfolio needs. Both segments grow for different reasons, driven by different consumers.
IGWT: Rural and urban gold behavior seems to diverge sharply. What does this mean for future demand?
Jain: Urban India is becoming more “investment-first”: Gold competes with equities, mutual funds, SIPs, and alternatives. Rural India remains “savings-first”: Gold is the most trusted store of value in regions with limited banking access. About 40% of India‘s gold demand still comes from rural households, and for them, gold is simpler than financial products. What you save in is what you hold in your hand.
This duality is actually India‘s strength. The income pyramid is rising – more Indians are entering the middle-income group, and historically a 1% rise in disposable income leads to a 1% increase in gold demand in value terms. India is not a saturated gold market like some others in Asia; it is expanding into new segments every year.
IGWT: India has seen major regulatory changes – hallmarking, a duty cut, and changes in import rules. What is the government‘s evolving view on gold?
Jain: For decades, gold was seen as a macroeconomic “problem” because it was the second-largest import after oil. Policymakers associated gold with current account pressure. That has changed fundamentally. India now has strong FX reserves, and the government recognizes that gold:
- employs 5mn people across the value chain,
- supports a vast artisanal ecosystem,
- is moving steadily into transparent, formal channels,
- can become a source of export value addition.
The hallmarking revolution – the HUID system – is one of the world‘s most advanced purity-traceability frameworks. And the 2024 duty cut from 15% to 6% essentially broke the back of the grey market overnight. Retail transparency is improving, and India is positioning itself as a future global jewelry hub, not just a consumer.
IGWT: Looking ahead, what is the most important shift you expect in India‘s gold market over the next decade?
Sachin Jain: India is becoming a digital-first gold nation. With the world‘s cheapest mobile data and more than 800mn internet users, the next generation will not interact with gold the way their parents did. The future is a hybrid:
- physical jewelry for culture, identity, weddings and status;
- digital and financial gold for savings, liquidity and portfolio strategy;
- innovations in gold-backed pensions and provident funds;
- and industry-wide modernization through a planned Global Gold Innovation Centre in India – a first of its kind.
If there is one takeaway, it is this: Gold is no longer a „traditional“ asset. It is becoming a transparent, technological, globally relevant asset class. As I like to say, gold is the new gold – and it will stay the new gold for India‘s future.
[1] Hallmark Unique Identification
[2] Siehe „Die steigende Bedeutung der Goldmärkte im Osten“, In Gold We Trust-Report 2023
[3] Reuters: Market Notes, Q4/2025
[4] Siehe Goldman Sachs Commodities Research: „India Gold Market: Household Holdings, Financialisation Trends, and Import Dynamics“, 17. August 2025
[5] Siehe „Wenn das Gold nach Hause kommt: Strategien der Zentralbank–Repatriierung“, In Gold We Trust-Report 2025
[6] Siehe u. a. „BRICS & das Ringen um eine neue Weltordnung: Geopolitische Verschiebungen im Jahr 2025“, In Gold We Trust-Report 2025; „Der Drache betritt die Bühne: De-Dollarization und die Sehnsucht des Ostens nach Gold“, In Gold We Trust-Report 2024; „De-Dollarization: Der finale Showdown?“, In Gold We Trust-Report 2023

